
Wenn Networking zur Inszenierung wird
„Baue dir ein Netzwerk auf“ ist einer dieser Karrieretipps, die harmlos klingen und trotzdem ein Störgefühl hinterlassen. Networking im Job wird schnell zur Inszenierung, wenn Beziehungen nur noch nach Nutzen bewertet werden. Networking kann hilfreich sein. Menschen empfehlen sich, erinnern sich aneinander und geben manchmal genau den Hinweis, der beruflich weiterhilft. Schwierig wird es dort, wo Beziehungen nicht mehr einfach Beziehungen sind, sondern strategisch gepflegt und nach Nutzen bewertet werden sollen. Gerade Frauen bekommen solche Ratschläge oft als Karrierehilfe verpackt: Netzwerke aufbauen, Fürsprecher finden, sichtbar bleiben, das eigene Bild aktiv prägen. Ich verstehe, warum das helfen kann. Aber wenn beruflicher Erfolg stark davon abhängt, wer wen kennt, wer über wen spricht und wer sich gut inszeniert, sagt das nicht nur etwas über einzelne Menschen aus. Dann sagt es auch etwas über die Kultur eines Unternehmens.
Der Tipp klingt vernünftig. Genau das macht ihn schwierig.
Man hört diesen Rat oft ganz beiläufig. Im Entwicklungsgespräch. In einem Karriere-Workshop. In einem Mentoring-Programm. Zwischen zwei Sätzen über Potenzial, Sichtbarkeit und „mehr Präsenz zeigen“. Du solltest dein Netzwerk stärken. Such dir Menschen, die für dich sprechen. Baue Beziehungen zu relevanten Personen auf. Sorge dafür, dass man dich positiv im Kopf hat.
Und ein Teil von mir denkt: Ja, stimmt wahrscheinlich.
Es ist hilfreich, wenn andere wissen, was man kann. Berufliche Chancen entstehen nicht nur aus Lebensläufen, Zielvereinbarungen und brav ausgefüllten Formularen. Menschen erinnern sich an Eindrücke. Sie vertrauen Personen, die sie kennen. Sie empfehlen Menschen, bei denen sie ein gutes Gefühl haben. Das ist menschlich. Menschen sind im Beruf leider weiterhin im Einsatz, trotz aller Versuche, sie durch Prozesse, Dashboards und Meetingserien zu ersetzen.
Trotzdem bleibt bei mir etwas hängen.
Nicht, weil ich gegen berufliche Beziehungen bin. Sondern weil aus einem eigentlich guten Gedanken schnell etwas anderes wird. Es geht dann nicht mehr nur darum, mit Menschen im Austausch zu sein. Es geht darum, Beziehungen bewusst so aufzubauen, dass sie irgendwann beruflich nützlich sein könnten.
Soll ich eigentlich besser arbeiten, oder soll ich besser Beziehungen verwalten?
Warum gute Arbeit nicht erst zählen sollte, wenn man sie gut genug verkauft, habe ich im Auftakt dieser Reihe über Sichtbarkeit im Job genauer beschrieben.
Wenn Beziehungen zu Karrierebausteinen werden
Es wäre zu einfach, Networking grundsätzlich schlechtzureden. Berufliche Kontakte können wertvoll sein. Man lernt andere Perspektiven kennen, versteht Zusammenhänge besser und manchmal entsteht daraus echte Unterstützung. Das ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo Beziehungen eine zweite Ebene bekommen. Wenn ich nicht mehr nur frage: Ist dieser Mensch interessant? Können wir fachlich gut zusammenarbeiten? Gibt es echten Austausch? Sondern: Bringt mich diese Person weiter? Hat sie Einfluss? Könnte sie mich empfehlen?
Natürlich ist beruflicher Kontakt nie völlig zweckfrei. Wir sind im Job, nicht in einem Groschenroman, in dem jedes Gespräch nur aus ehrlicher Zuneigung besteht. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Beziehung organisch wächst oder ob ich sie innerlich danach sortiere, welchen Nutzen sie einmal haben könnte.
Das eine ist Kontakt. Das andere ist Beziehungsarbeit mit Karriereabsicht.
Niemand sagt offen: Sortiere Menschen nach Nutzen. So plump ist man dann doch nicht. Wir sind ja professionell. Also klingt es freundlicher.
Pflege dein Netzwerk. Finde Fürsprecher. Sorge dafür, dass dein Name fällt. Positioniere dich. Steuere, wie über dich gesprochen wird.
Das klingt nach Entwicklung. Nach Karrierekompetenz. Nach professionellem Auftreten. Also nach allem, was in Unternehmen gern gut klingt, bevor man merkt, dass man gerade lernt, Menschen wie kleine Karrierebausteine zu sortieren.
Sobald Beziehungen strategisch werden, verändert sich etwas. Ein Gespräch wird zu einer Gelegenheit. Ein Kontakt wird zu einer möglichen Verbindung. Ein Mensch wird zu jemandem, der vielleicht einmal hilfreich sein könnte. Und plötzlich läuft im Hintergrund eine kleine Bewertung mit: Wer ist wichtig? Wer hat Einfluss? Wer könnte mich weiterbringen?
Allein diese Fragen fühlen sich für mich falsch an.
Nicht, weil jede berufliche Beziehung rein und zweckfrei sein müsste. Das wäre naiv. Aber wenn Nutzen zur Grundbrille wird, verändert das, wie man Menschen sieht. Aus Interesse wird Investition. Aus Nähe wird Möglichkeit. Aus Unterstützung wird Tauschlogik.
Vielleicht beginnt es harmlos. Man hält Kontakt, nicht weil man wirklich möchte, sondern weil es klug wäre. Man bemüht sich dort etwas mehr, wo Einfluss sitzt. Und irgendwann merkt man vielleicht, dass man Beziehungen nicht mehr erlebt, sondern verwaltet.
Das ist der Punkt, der mich stört. Nicht Networking an sich. Sondern diese Verschiebung, bei der Beziehungen zu einer Art persönlichem Karrieresystem werden. Klingt effizient. Klingt erwachsen. Klingt nach einem sehr traurigen Hobby.

Warum gerade Frauen diesen Rat oft hören
Dass solche Ratschläge besonders häufig an Frauen adressiert werden, kommt nicht aus dem Nichts. Viele berufliche Strukturen wurden lange von Männern geprägt. Und vieles, was heute Frauen als Networking-Kompetenz erklärt wird, war dort oft längst normal: sich gegenseitig empfehlen, Namen weitertragen, Türen öffnen, sich für Möglichkeiten ins Spiel bringen.
Das muss nicht bewusst manipulativ sein. Oft läuft es einfach mit, weil Menschen einander kennen, sich vertrauen oder sich gegenseitig als passend wahrnehmen.
Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: Frauen sollen das alles ignorieren und einfach gute Arbeit machen. Dieser Satz klingt würdevoll, kann beruflich aber ziemlich teuer werden. Gerade wenn Frauen weniger selbstverständlich empfohlen, weniger automatisch mitgedacht oder weniger schnell als „bereit für mehr“ gelesen werden.
Ich verstehe also, warum Frauen diese Mechanismen kennen sollen. Ich verstehe auch, warum Fürsprecher helfen können. Aber zwischen „versteh das Spiel“ und „mach dich selbst zum strategischen Karriereprojekt“ liegt ein Unterschied.
Wenn Frauen lernen sollen, ihr Netzwerk gezielter zu nutzen, ihr Bild aktiver zu prägen und Beziehungen bewusster für Entwicklung einzusetzen, kann das individuell helfen. Aber es löst nicht automatisch das Problem. Es verschiebt die Arbeit wieder auf die einzelne Person. Vielleicht ist das praktisch. Aber es ist nicht automatisch Fortschritt.
Wenn strategisches Denken mit nach Hause kommt
Was mich an strategischem Networking besonders beschäftigt, ist nicht nur der berufliche Teil. Es ist die Haltung dahinter.
Wenn ich im Job immer wieder lerne, Kontakte nach Nutzen, Einfluss und möglichem Vorteil zu bewerten, bleibt dieses Denken nicht unbedingt sauber am Büroeingang stehen. Natürlich kann man sagen: Das ist nur beruflich. Privat bin ich anders. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht immer.
Haltungen verschwinden nicht automatisch, nur weil der Laptop zugeklappt ist.
Dieses Gefühl, dass berufliche oder organisatorische Denkarbeit nicht einfach endet, erinnert mich auch an Mental Load im Familienalltag: Auch dort ist oft nicht die einzelne Aufgabe das Problem, sondern das ständige innere Mitlaufen.
Und vielleicht zeigt sich das auch in dem, was man Kindern vorlebt. Nicht dramatisch. Kein Kind lernt am Abendbrottisch plötzlich Karriere-Networking. Dafür reicht später vermutlich LinkedIn. Aber Kinder bekommen mit, wie wir über Menschen sprechen: ob wir jemanden mögen, achten und gern um uns haben, oder ob wir Menschen vor allem danach einordnen, ob sie wichtig, nützlich oder einflussreich sind.
Welche Haltung sickert in den Alltag, wenn man lange genug in einem System arbeitet, das Menschen strategisches Beziehungshandeln beibringt?
Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich daran so stört. Es geht nicht nur darum, ob Networking angenehm oder unangenehm ist. Es geht darum, welche Art Mensch man langsam wird, wenn Beziehungen dauerhaft unter Nutzenlogik betrachtet werden.
Will ich wirklich besser darin werden?
Ein Punkt wird bei strategischem Networking oft zu wenig gesagt: Es kann helfen, aber es macht auch abhängig.
Wenn meine Entwicklung stark davon abhängt, wer für mich spricht, wer mich empfiehlt und wer mein Bild positiv weiterträgt, dann bin ich nicht nur sichtbarer. Ich bin auch verletzlicher.
Was passiert, wenn diese Person geht? Wenn sie plötzlich jemand anderen fördert? Wenn ihr Einfluss kleiner wird? Wenn eine andere Person mit mehr Macht ein anderes Bild von mir zeichnet?
Eine Karriere, die stark auf Fürsprache, Nähe und internen Bildern basiert, wirkt stabil, solange die richtigen Menschen auf der eigenen Seite sind. Aber genau das macht sie wackelig.
Manchmal braucht es keine große Intrige. Oft reicht ein Satz. Eine Einschätzung. Ein fehlendes Erwähnen. Ein „fachlich stark, aber …“. Und plötzlich merkt man, wie wenig neutral dieses System eigentlich ist.
Wenn Leistung klar, nachvollziehbar und fair bewertet würde, dürfte eine einzelne Meinung nicht so viel kippen. Wenn sie es doch kann, dann ist das kein individuelles Networking-Problem. Dann ist es ein Kulturproblem.
Vielleicht ist das die eigentlich unangenehme Frage. Wenn in einem Unternehmen alle lernen müssen, Beziehungen gezielt zu pflegen, das eigene Bild zu steuern und im richtigen Moment richtig zu wirken, kann man natürlich sagen: So funktioniert Karriere eben.
Man kann aber auch fragen, warum sie so funktionieren muss.
Wenn Entwicklung stark davon abhängt, wer wen kennt, wer wen empfiehlt und wer intern gut erzählt wird, geht es nicht mehr nur um individuelle Karrierekompetenz. Dann zeigt sich eine Kultur, in der Menschen nicht nur arbeiten, sondern sich zusätzlich als kleine interne PR-Kampagne betreiben sollen.
Ich verstehe das Spiel genug, um zu sehen, warum es funktioniert. Aber ich will nicht so tun, als wäre es harmlos.
Denn wenn Karriere davon abhängt, wer mich kennt, wer mich mag und wer mein Bild positiv weiterträgt, dann geht es nicht mehr nur um Leistung. Dann geht es um Wirkung, Nähe und Erzählung.
Und wenn gerade Frauen vermittelt wird, sie müssten genau darin besser werden, frage ich mich: Fördert man sie wirklich? Oder bringt man ihnen nur bei, sich besser an eine Kultur anzupassen, die selbst fragwürdig ist?
Vielleicht brauche ich nicht noch mehr Tipps, wie ich strategischer netzwerke. Vielleicht brauche ich auch die Erlaubnis, diesen Teil des Spiels kritisch zu sehen.
Nicht, weil ich nicht weiterkommen will. Sondern weil ich nicht jeden Kontakt, jedes Gespräch und jedes Stück berufliche Nähe zu einer Strategie machen möchte.
Beziehungen dürfen helfen. Menschen dürfen einander fördern. Aber wenn alles zur Inszenierung wird, bleibt am Ende eine leise Frage übrig: Will ich lernen, dieses Spiel besser zu spielen, oder will ich genauer hinschauen, warum es überhaupt so viel Spiel braucht?
Weitere seriöse Infos zum Thema
- Harvard Business Review: Why “Network More” Is Bad Advice for Women
Ein passender Hintergrundtext zur Frage, warum „netzwerke mehr“ für Frauen oft zu kurz greift. - Harvard Business Review: A Lack of Sponsorship Is Keeping Women from Advancing into Leadership
Zur Unterscheidung zwischen Mentoring, Fürsprache und echten Karrierechancen. - Lean In & McKinsey: Women in the Workplace Report
Aktuelle Einordnung zu Frauen im Beruf, Karriereunterstützung, Sponsorship und strukturellen Hürden. - DIW Berlin: Frauenanteil in Vorständen großer Unternehmen
Deutschsprachiger Kontext zur Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen.
Über Alltagsliebling
Hier geht es um Familienalltag, Erschöpfung, kleine Entlastungen und praktische Ideen, die wirklich in ein volles Leben passen. Ehrlich, ruhig und ohne Schönreden, für Mamas, die nicht mehr Druck, sondern mehr Orientierung brauchen.
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„Baue dir ein Netzwerk auf“ ist einer dieser Karrieretipps, die harmlos klingen und trotzdem ein Störgefühl hinterlassen. Networking im Job wird schnell zur Inszenierung, wenn Beziehungen nur noch nach Nutzen bewertet werden. Networking kann hilfreich sein. Menschen empfehlen sich, erinnern sich aneinander und geben manchmal genau den Hinweis, der beruflich weiterhilft. Schwierig wird es dort, wo Beziehungen nicht mehr einfach Beziehungen sind, sondern strategisch gepflegt und nach Nutzen bewertet werden sollen. Gerade Frauen bekommen solche Ratschläge oft als Karrierehilfe verpackt: Netzwerke aufbauen, Fürsprecher finden, sichtbar bleiben, das eigene Bild aktiv prägen. Ich verstehe, warum das helfen kann. Aber wenn beruflicher Erfolg stark davon abhängt, wer wen kennt, wer über wen spricht und wer sich gut inszeniert, sagt das nicht nur etwas über einzelne Menschen aus. Dann sagt es auch etwas über die Kultur eines Unternehmens.
Der Tipp klingt vernünftig. Genau das macht ihn schwierig.
Man hört diesen Rat oft ganz beiläufig. Im Entwicklungsgespräch. In einem Karriere-Workshop. In einem Mentoring-Programm. Zwischen zwei Sätzen über Potenzial, Sichtbarkeit und „mehr Präsenz zeigen“. Du solltest dein Netzwerk stärken. Such dir Menschen, die für dich sprechen. Baue Beziehungen zu relevanten Personen auf. Sorge dafür, dass man dich positiv im Kopf hat.
Und ein Teil von mir denkt: Ja, stimmt wahrscheinlich.
Es ist hilfreich, wenn andere wissen, was man kann. Berufliche Chancen entstehen nicht nur aus Lebensläufen, Zielvereinbarungen und brav ausgefüllten Formularen. Menschen erinnern sich an Eindrücke. Sie vertrauen Personen, die sie kennen. Sie empfehlen Menschen, bei denen sie ein gutes Gefühl haben. Das ist menschlich. Menschen sind im Beruf leider weiterhin im Einsatz, trotz aller Versuche, sie durch Prozesse, Dashboards und Meetingserien zu ersetzen.
Trotzdem bleibt bei mir etwas hängen.
Nicht, weil ich gegen berufliche Beziehungen bin. Sondern weil aus einem eigentlich guten Gedanken schnell etwas anderes wird. Es geht dann nicht mehr nur darum, mit Menschen im Austausch zu sein. Es geht darum, Beziehungen bewusst so aufzubauen, dass sie irgendwann beruflich nützlich sein könnten.
Soll ich eigentlich besser arbeiten, oder soll ich besser Beziehungen verwalten?
Warum gute Arbeit nicht erst zählen sollte, wenn man sie gut genug verkauft, habe ich im Auftakt dieser Reihe über Sichtbarkeit im Job genauer beschrieben.
Wenn Beziehungen zu Karrierebausteinen werden
Es wäre zu einfach, Networking grundsätzlich schlechtzureden. Berufliche Kontakte können wertvoll sein. Man lernt andere Perspektiven kennen, versteht Zusammenhänge besser und manchmal entsteht daraus echte Unterstützung. Das ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo Beziehungen eine zweite Ebene bekommen. Wenn ich nicht mehr nur frage: Ist dieser Mensch interessant? Können wir fachlich gut zusammenarbeiten? Gibt es echten Austausch? Sondern: Bringt mich diese Person weiter? Hat sie Einfluss? Könnte sie mich empfehlen?
Natürlich ist beruflicher Kontakt nie völlig zweckfrei. Wir sind im Job, nicht in einem Groschenroman, in dem jedes Gespräch nur aus ehrlicher Zuneigung besteht. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Beziehung organisch wächst oder ob ich sie innerlich danach sortiere, welchen Nutzen sie einmal haben könnte.
Das eine ist Kontakt. Das andere ist Beziehungsarbeit mit Karriereabsicht.
Niemand sagt offen: Sortiere Menschen nach Nutzen. So plump ist man dann doch nicht. Wir sind ja professionell. Also klingt es freundlicher.
Pflege dein Netzwerk. Finde Fürsprecher. Sorge dafür, dass dein Name fällt. Positioniere dich. Steuere, wie über dich gesprochen wird.
Das klingt nach Entwicklung. Nach Karrierekompetenz. Nach professionellem Auftreten. Also nach allem, was in Unternehmen gern gut klingt, bevor man merkt, dass man gerade lernt, Menschen wie kleine Karrierebausteine zu sortieren.
Sobald Beziehungen strategisch werden, verändert sich etwas. Ein Gespräch wird zu einer Gelegenheit. Ein Kontakt wird zu einer möglichen Verbindung. Ein Mensch wird zu jemandem, der vielleicht einmal hilfreich sein könnte. Und plötzlich läuft im Hintergrund eine kleine Bewertung mit: Wer ist wichtig? Wer hat Einfluss? Wer könnte mich weiterbringen?
Allein diese Fragen fühlen sich für mich falsch an.
Nicht, weil jede berufliche Beziehung rein und zweckfrei sein müsste. Das wäre naiv. Aber wenn Nutzen zur Grundbrille wird, verändert das, wie man Menschen sieht. Aus Interesse wird Investition. Aus Nähe wird Möglichkeit. Aus Unterstützung wird Tauschlogik.
Vielleicht beginnt es harmlos. Man hält Kontakt, nicht weil man wirklich möchte, sondern weil es klug wäre. Man bemüht sich dort etwas mehr, wo Einfluss sitzt. Und irgendwann merkt man vielleicht, dass man Beziehungen nicht mehr erlebt, sondern verwaltet.
Das ist der Punkt, der mich stört. Nicht Networking an sich. Sondern diese Verschiebung, bei der Beziehungen zu einer Art persönlichem Karrieresystem werden. Klingt effizient. Klingt erwachsen. Klingt nach einem sehr traurigen Hobby.

Warum gerade Frauen diesen Rat oft hören
Dass solche Ratschläge besonders häufig an Frauen adressiert werden, kommt nicht aus dem Nichts. Viele berufliche Strukturen wurden lange von Männern geprägt. Und vieles, was heute Frauen als Networking-Kompetenz erklärt wird, war dort oft längst normal: sich gegenseitig empfehlen, Namen weitertragen, Türen öffnen, sich für Möglichkeiten ins Spiel bringen.
Das muss nicht bewusst manipulativ sein. Oft läuft es einfach mit, weil Menschen einander kennen, sich vertrauen oder sich gegenseitig als passend wahrnehmen.
Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: Frauen sollen das alles ignorieren und einfach gute Arbeit machen. Dieser Satz klingt würdevoll, kann beruflich aber ziemlich teuer werden. Gerade wenn Frauen weniger selbstverständlich empfohlen, weniger automatisch mitgedacht oder weniger schnell als „bereit für mehr“ gelesen werden.
Ich verstehe also, warum Frauen diese Mechanismen kennen sollen. Ich verstehe auch, warum Fürsprecher helfen können. Aber zwischen „versteh das Spiel“ und „mach dich selbst zum strategischen Karriereprojekt“ liegt ein Unterschied.
Wenn Frauen lernen sollen, ihr Netzwerk gezielter zu nutzen, ihr Bild aktiver zu prägen und Beziehungen bewusster für Entwicklung einzusetzen, kann das individuell helfen. Aber es löst nicht automatisch das Problem. Es verschiebt die Arbeit wieder auf die einzelne Person. Vielleicht ist das praktisch. Aber es ist nicht automatisch Fortschritt.
Wenn strategisches Denken mit nach Hause kommt
Was mich an strategischem Networking besonders beschäftigt, ist nicht nur der berufliche Teil. Es ist die Haltung dahinter.
Wenn ich im Job immer wieder lerne, Kontakte nach Nutzen, Einfluss und möglichem Vorteil zu bewerten, bleibt dieses Denken nicht unbedingt sauber am Büroeingang stehen. Natürlich kann man sagen: Das ist nur beruflich. Privat bin ich anders. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht immer.
Haltungen verschwinden nicht automatisch, nur weil der Laptop zugeklappt ist.
Dieses Gefühl, dass berufliche oder organisatorische Denkarbeit nicht einfach endet, erinnert mich auch an Mental Load im Familienalltag: Auch dort ist oft nicht die einzelne Aufgabe das Problem, sondern das ständige innere Mitlaufen.
Und vielleicht zeigt sich das auch in dem, was man Kindern vorlebt. Nicht dramatisch. Kein Kind lernt am Abendbrottisch plötzlich Karriere-Networking. Dafür reicht später vermutlich LinkedIn. Aber Kinder bekommen mit, wie wir über Menschen sprechen: ob wir jemanden mögen, achten und gern um uns haben, oder ob wir Menschen vor allem danach einordnen, ob sie wichtig, nützlich oder einflussreich sind.
Welche Haltung sickert in den Alltag, wenn man lange genug in einem System arbeitet, das Menschen strategisches Beziehungshandeln beibringt?
Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich daran so stört. Es geht nicht nur darum, ob Networking angenehm oder unangenehm ist. Es geht darum, welche Art Mensch man langsam wird, wenn Beziehungen dauerhaft unter Nutzenlogik betrachtet werden.
Will ich wirklich besser darin werden?
Ein Punkt wird bei strategischem Networking oft zu wenig gesagt: Es kann helfen, aber es macht auch abhängig.
Wenn meine Entwicklung stark davon abhängt, wer für mich spricht, wer mich empfiehlt und wer mein Bild positiv weiterträgt, dann bin ich nicht nur sichtbarer. Ich bin auch verletzlicher.
Was passiert, wenn diese Person geht? Wenn sie plötzlich jemand anderen fördert? Wenn ihr Einfluss kleiner wird? Wenn eine andere Person mit mehr Macht ein anderes Bild von mir zeichnet?
Eine Karriere, die stark auf Fürsprache, Nähe und internen Bildern basiert, wirkt stabil, solange die richtigen Menschen auf der eigenen Seite sind. Aber genau das macht sie wackelig.
Manchmal braucht es keine große Intrige. Oft reicht ein Satz. Eine Einschätzung. Ein fehlendes Erwähnen. Ein „fachlich stark, aber …“. Und plötzlich merkt man, wie wenig neutral dieses System eigentlich ist.
Wenn Leistung klar, nachvollziehbar und fair bewertet würde, dürfte eine einzelne Meinung nicht so viel kippen. Wenn sie es doch kann, dann ist das kein individuelles Networking-Problem. Dann ist es ein Kulturproblem.
Vielleicht ist das die eigentlich unangenehme Frage. Wenn in einem Unternehmen alle lernen müssen, Beziehungen gezielt zu pflegen, das eigene Bild zu steuern und im richtigen Moment richtig zu wirken, kann man natürlich sagen: So funktioniert Karriere eben.
Man kann aber auch fragen, warum sie so funktionieren muss.
Wenn Entwicklung stark davon abhängt, wer wen kennt, wer wen empfiehlt und wer intern gut erzählt wird, geht es nicht mehr nur um individuelle Karrierekompetenz. Dann zeigt sich eine Kultur, in der Menschen nicht nur arbeiten, sondern sich zusätzlich als kleine interne PR-Kampagne betreiben sollen.
Ich verstehe das Spiel genug, um zu sehen, warum es funktioniert. Aber ich will nicht so tun, als wäre es harmlos.
Denn wenn Karriere davon abhängt, wer mich kennt, wer mich mag und wer mein Bild positiv weiterträgt, dann geht es nicht mehr nur um Leistung. Dann geht es um Wirkung, Nähe und Erzählung.
Und wenn gerade Frauen vermittelt wird, sie müssten genau darin besser werden, frage ich mich: Fördert man sie wirklich? Oder bringt man ihnen nur bei, sich besser an eine Kultur anzupassen, die selbst fragwürdig ist?
Vielleicht brauche ich nicht noch mehr Tipps, wie ich strategischer netzwerke. Vielleicht brauche ich auch die Erlaubnis, diesen Teil des Spiels kritisch zu sehen.
Nicht, weil ich nicht weiterkommen will. Sondern weil ich nicht jeden Kontakt, jedes Gespräch und jedes Stück berufliche Nähe zu einer Strategie machen möchte.
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